Geburt

Geburt

 

Ich gehe aufrecht

auf das Ende

der Strasse zu.

Noch ein paar letzte Schritte,

dann schmilzt der Himmel in das Meer.

Dort schwindet der Horizont,

gewährt den Blick in die Freiheit.

Dort geben sich Fehler, Schläge, Narben

als Stufen des Weges zu erkennen.

Und die Grenzen wandeln sich in Unendlichkeit.

Und in der Unendlichkeit sehe ich die Wahrheit.

Für immer,

bin ich frei.

Stehe auf dem Gipfel,

überschaue.

Lebe,

in der höchsten Form.

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Gestern

Gestern

 

Und ich sehne Deine Lippen,

die wie welkende Rosenblätter,

auf den Boden fallen,

und bevor sie aufschlagen,

will ich Deinen Namen sprechen,

doch meine Stimme versiegt,

wie die Erinnerung.

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Machina Urbicus

Machina Urbicus

 

Der Widerstand des Asphalts.

So reagiert die Straße auf meine eiligen

Schritte.

Obwohl ich nicht weiß wohin

ich will/soll.

Das Echo,

dieser Schritte verhallt ungehört,

die Geschäftstürme hinauf,

gegen einen Himmel den es nicht gibt,

und den man nicht sieht.

Dampf und Rauch, Farben, Sound,

ist an seine Stelle getreten.

Streben ins Nirgendwo.

Ins irgendwo, ins irgendwann.

Der Highscore auf dem Konto

ist die Karotte vorm Esel.

Immer im Kreis,

will man in die Hall of Fame,

des Geldes, der Statussymbole, des Glücks.

Eine große Maschine ist ausreichender Ersatz

für unser Hirn.

Und die, die denken sie würden das Ding steuern,

sind längst von ihm überrannt.

Automodus.

Die Herzlichen werden zermahlen,

sterben in den Rädern des großen Werks.

Gott verkauft sich dennoch gut,

wie früher.

Konsum von Erlösung,

gegen Cash.

Cash, Cash, CAAASH!

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Aktuell

Um aktuelle Geschehnisse zu reflektieren,

zu beschreiben,

bedarf es Realität.

Wir werden sehen was das ist/bedeutet,

vielleicht.

Und was passiert.

Demnächst. (Unter anderem hier.)

 

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Kerosin

Kerosin

 

Die leere Seite, Blockade.

Das gibt‘s (Kerosin) wirklich, Blockade.

Ich weiß einfach nichts.

Wie ich anfangen,

weiter(Kerosin)machen,

oder enden soll.

Und dann immer dieses Kerosin.

Das Wort geht mir echt nicht aus dem Kopf.

Ich versuch mich ein bisschen zu lockern,

damit mir was einfällt, und dann nur: Kerosin.

Echt bescheuert.

Hinter meiner Stirn: Kerosin.

Ich brauch irgendwas um den Scheiß zu löschen.

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London calling

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Raum

Raum

 

Die Straße war endlos.

Schwarz, mehr wie ein Tunnel. Eine licht-fressende Röhre, die Stern, erst langsam, dann schnell, in sich saugte.

Klatsch. Er schlug auf. Unmöglich, das zu überleben.

Aber die Erinnerung bewies es.

Vor, zurück. Hin, her. Vor und zurück. So ging das jetzt seit Tagen. Sobald er mit dem Kopf an eine der Wände titschte, schnellte er zu einer anderen, schlug kurz mit dem Kopf auf, dann zur nächsten. Chaotisch, wirr, ohne Plan.

Wozu der ganze Scheiß überhaupt,

fragte er sich manchmal, doch vergaß das im selben Moment wieder.

“Herr Stern. Willkommen in Raum.”,

hörte er eine zarte Stimme.

Eine Frau, wahrscheinlich synthetisch.

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London´s lost

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Stein

Stein

 

Ralf Stein stand vor dem Spiegel.

“Ja, ich hasse dich. Das weißt du. Aber ich stecke in dir. Also müssen wir wohl miteinander klarkommen.”,

sagte er sich in´s Gesicht.

Er wandte seinen Blick nach unten und spuckte ins Waschbecken, schlug sich ein paar Hände Wasser ins Gesicht und verließ danach das Bad.

Er wollte sich den Kopf frei machen, also ging er raus. Auf der Straße waren nur wenige Leute unterwegs, es war spät und kalt. Der Winter gab dieses Jahr richtig Stoff.

Ein letztes Aufbäumen vor dem Ende.

Er konzentrierte sich auf das Knarzen des Schnees unter seinen Füßen, erwiderte abwesend einen Gruß und dachte an Marie. Er wusste, dass er Schuld am Ende der Beziehung war, genau wie an seiner Lage.

Wenn ich muss, werde ich es tun. Aber erst gehe ich weiter, lebe. Wenn es an der Zeit ist bringe ich mich um, und ich werde keinen feigen Abschiedsbrief schreiben, sondern die Leute die es wert sind aufsuchen und mit ihnen sprechen, meine Entscheidung erklären, und dann werde ich gehen und es machen.

Wenn du die dunklen Stellen in dir rausbrennen willst und weißt das das nicht möglich ist. Wenn du denkst du bist ein Teufel. Wenn der Stein an deinem Hals dich ständig wegzieht von der Sonne, lass los, es ist ok.

Die meisten Menschen trauen sich nicht gegen das Gottesbild zu rebellieren, ihn anzuklagen oder gar an Selbstmord zu denken. Sie rechtfertigen es damit, dass sie sich sagen es sei ihr Respekt, ihre Anerkennung ihm gegenüber. Aber das ist es nicht, es ist ihre Furcht, ihre Feigheit.

Ich glaube das, dem man den Namen Gott gegeben hat, will keine Furcht, es will das man lebt, ist das Leben selbst, wir,

dachte Stein.

Die Leuchtreklamen, Plakate, Stimmen, Musik und Lärm fluteten durch ihn zurück in den Raum. Seine kurzen dunkelblonden Haare zerzausten vom Wind und der untere Teil seines Mantels schlug hin und her. Er ging schnell, manche die ihn nicht nur sahen, sondern die, die ihn auch bemerkten, dachten bestimmt unbewusst er würde vor etwas fliehen.

Aber das tat er nicht. Solche Dinge, solche Emotionen, lagen lange hinter ihm. Er war gleichmütig gegenüber seinen Ängsten. Wenn Freuden kamen genoss er sie, das Gegenteil akzeptierte und ignorierte er. Zu sterben wünschte er nicht, aber auch nicht zu leben. Er ließ einfach geschehen. Wünsche waren für ihn so einfach auf Emotionen zu reduzieren, als diese zu durchschauen, wie Absichten. Er tat einfach, ohne den Wunsch nach einem Ergebnis.

 

Am Ende der Straße war das Café de Spirou. Ab und zu trank er hier Kaffee oder Wein. Die Tür war aus altem dunkelbraunen Holz, so auch der Großteil der Innenausstattung, es roch nach Zigaretten und Kaffee. Ein paar Kunstdrucke von Dali, Picasso, Warhol und Künstlern die er nicht kannte hingen an den Wänden. Hier im Spi, wie die meisten es nannten, verkehrten oft Maler, Schriftsteller und andere Kreative, auch ein paar Leute der neuen Netzkultur. Stein fühlte sich hier einigermaßen Wohl, auch wenn er sich nur selten unterhielt und das erst nach ein paar Gläsern. An der kleinen Theke standen vier leere Barhocker und aus den Boxen drang leise Musik. Er setze sich an einen Tisch hinten am Fenster und sah den vorbeigehenden Menschen zu.

Er bestellte Kaffee. Die Bedienung stellte die Tasse auf den Tisch und sagte:

“Hier, Herr Stein, bitte sehr.”

Er nickte und sah wieder nach draußen.

Nach einiger Zeit drehte er versunken den Kopf ins Café und sah eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren und dunklen Klamotten, sie musterte ihn. Er widmete seine Aufmerksamkeit wieder den Menschen auf der Straße.

“Hi.”,

hörte er hinter sich.

Er warf der Frau mit den schwarzen Haaren einen irritierten Blick entgegen. Aber sie lächelte einfach überlegen.

“Kennen wir uns?”,

fragte er.

Ihm fiel auf, dass sie ein schwarzes Piercing in der Unterlippe hatte.

Sie nickte.

“Ich kenne sie. Sie sind doch Ralf Stein, oder?”

Der Zeitungsartikel,

dachte er und trank den letzten Schluck Kaffee.

“Nein. Sie verwechseln mich.”

Aber sie ließ sich nicht so leicht abwimmeln.

“Ich bin Lisa. Lisa Nabell.”

Erst jetzt fiel ihm auf wie schön er sie fand.

“Hat mich gefreut.”,

sagte er, legte ein paar Münzen auf den Tisch und ging. Kurz vor dem Ausgang blickte er über die Schulter, sie sah ihm nach.

 

Er ging durch die Straßen. Ohne Ziel, ohne Vergangenheit, das Gestern existierte für ihn nicht mehr. Selbstmitleid und Stolz hatte er ebenso vor langer Zeit vergessen. Er schnippte seine Zigarette auf den Asphalt. Er dachte kurz an Lisa, sie muss Anfang zwanzig gewesen sein, fast zehn Jahre jünger als er.

Ein paar abgerissene Typen pöbelten ihn an.

“Na, du Loser, so spät noch unterwegs? Keine Angst?”,

sagte einer von ihnen.

“Klar, der macht sich gleich in die Hose.”,

sagte ein durchtrainierter Mann mit roter Lederjacke.

Ralf blickte kurz hin, dann aber sofort wieder nach vorne. Ein paar Meter weiter kam ein Weiterer und hielt ihm ein Messer entgegen.

“Dann mal rüber mit der Kohle!”,

sagte er und grinste.

“Weißt du, ich will nicht unfreundlich wirken, ich bin nur ein ehrlicher Typ. Ich muss dir sagen, dass ich, na ja, ich bin ein bisschen neben der Spur manchmal. Wahnsinnig. Um genau zu sein, Klassifikation nach ICD-10, F20, Schizophrenie. Ich hab manchmal einfach so kleine Aussetzer, meist nur Minuten. Bin kurz unzurechnungsfähig. Das würde der Richter dann natürlich auch so sehen.”,

sagte Ralf.

Es waren nicht in erster Linie die Worte, sondern Steins Blick, der den Typen außer Gefecht setzte, er trat zur Seite und ließ Stein durch.

Stein kämpfte mit seiner Sprache, seinen Geschichten. Es war alles gelogen, aber man merkte ihm nie an, wenn er es tat. Er machte in gewissen Situationen keine Kompromisse.

Spät in der Nacht kam Stein nach Hause.

 

Am nächsten Tag ertappte er sich, wie er wieder auf das Spi zusteuerte.

Gehe ich da jetzt etwa wegen dieser Nabell hin?,

fragte er sich.

Sie war nicht da. Aber am nächsten Tag saß sie am Fenster, an dem Platz an dem Stein das letzte Mal gesessen hatte.

Er fragte ob er sich zu ihr setzen dürfe, sie nickte.

“Ralf Stein. Was bereitet mir doch noch die Ehre?”,

sagte sie ironisch.

Ralf stockte kurz.

“Ähm, Nabell heißen sie, Lisa Nabell, ich, meinen Namen kennen sie ja.”

Ralf war nervös, was bei ihm selten war.

Sie kamen ins Gespräch. Verstanden sich auf Anhieb, sie lachte viel, er auch ab und zu. Es kam ihm lange vor, und endlos schön. Das merkwürdige war, zumindest für Stein, dass sie sich für den nächsten Tag verabredeten.

“Morgen ist doch Kirmes, sollen wir zusammen hin gehen?”,

fragte Lisa.

Stein bejahte, und so trafen sie sich um sieben.

Sie nahm ihn zur Begrüßung kurz in den Arm, er genoss es.

“Komm, ich schieß´ dir eine Rose.”,

sagte Stein anschließend.

Sie gingen zum Schießstand.

Er legte an und zielte, als ein Mann in seinem Alter ihm etwas zurief.

“Na, willst du mir nicht mal deine Perle vorstellen, Stein?”,

sagte er und grinste.

Stein ging zu ihm hinüber, sagte leise etwas, drehte um und ging zurück zu Lisa. Das Grinsen war verschwunden.

Man spürt die Gefahr, die von einem Mann ausgeht, der nichts mehr zu verlieren hat. Oder hatte Stein es mittlerweile doch?

Sie fuhren Karussell, lachten, aßen und tranken, und spät in der Nacht gingen sie tanzen.

Danach fanden sie sich in Lisas Wohnung wieder.

Sie küsste ihn. Es kam ihm vor als würde die gesamte Schönheit der Welt in einem Augenblick durch sein Herz huschen.

Sie zog sein Hemd aus, er ihr Shirt. Küssend, atmend, berührend entkleideten sie sich gegenseitig, Lisa nahm ihn am Handgelenk mit in ihr Schlafzimmer, Ralf streichelte ihr über´s Haar, ihr Gesicht, ihre Brüste. Lisa zog ihn an sich heran und flüsterte ihm ein Ich liebe dich ins Ohr. Sie schliefen Stunden miteinander.

Für die beiden waren die nächsten Monate die schönste Zeit ihres Lebens. Lisa und Ralf reisten, spazierten, sahen Filme und nahmen eine gemeinsame Wohnung.

Manchmal ist es Liebe,

dachte Stein.

 

Dann kam die Katastrophe.

“Ralf, komm bitte zu mir.”,

sagte Lisa am Telefon.

Sie weinte.

Als sie ihm sagte was los war, starb das, was ihn die letzte Zeit weiterleben ließ mit einem Ruck, der ihn wie ein rostiges Schwert durchstach. Mehrmals. Hinein und wieder heraus, dann wieder hinein, wieder raus.

Sie hatte Krebs. Hatte es gerade erfahren. Aggressiven Krebs. Ihr blieben wahrscheinlich nur Monate ohne die Chemotherapie.

Doch sie wusste, dass die Therapie zwecklos war, sie spürte es.

Er unterdrückte seine Tränen und rannte nach draußen. Er rannte immer weiter und seine Wut ließ ihn schnauben, fauchen und am Ende schreien. Er wusste nicht was er anschrie, wen er anklagte.

“Warum? Warum tust du das?”,

schrie er gegen den Himmel.

Dann Stille.

Er rührte sich nicht mehr. Dachte nichts mehr. Fühlte nicht.

 

Die nächste Zeit war verdunkelt, aber ihre Liebe zueinander war ungebrochen und leuchtete durch diese Hölle hindurch.

Nach drei Wochen saßen sie in einem Park, die Sonne schien, es war gleich Abend.

“Wir müssen jetzt leben, Ralf. Leben, trotzdem. Einfach leben und lieben.”,

sagte sie und er nickte.

Er sah ein.

Die Zeit wurde anfangs besser, danach immer schöner und irgendwann war sie trotz des höllischen Schattens fast wieder so wundervoll wie zu Beginn.

Dann verschlimmerte sich Lisas Zustand drastisch.

Er saß an ihrem Bett in der städtischen Klinik.

“Wenn ich bald heimkehre, musst du wissen, dass ich dich immer lieben werde. Aber du musst weiterleben. Gut weiterleben. Behalte mich im Herzen, aber bleibe nicht allein.”,

sagte Lisa.

“Ich werde dich immer hier tragen.”,

sagte Ralf und deutete auf sein Herz.

“Du hast mir gezeigt was es heißt gut zu leben, und ich werde weitermachen. Du hast mich gerettet, weißt du das eigentlich?”,

fragte er.

Sie lächelte.

Er küsste sie auf die Stirn. Dann legte sie ihre Hand auf seine Wange und küsste ihn auf seine Lippen.

 

Er blieb Tage an ihrem Bett, ruhte im Sitzen, wenig und selten.

Dann, als er einmal aufwachte, sah er, dass sie schlief. Sie lächelte. Es war ihm, als lächelte sie ihn an. Er wusste was mit ihr war. Sie war gestorben.

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Das Morgen, das nie kam

Das Morgen, das nie kam

 

“Heute werden wir es ein letztes Mal leben. Ein letztes mal genießen. Und morgen machen wir einen Schnitt. Wenn wir aufwachen, werden wir vergessen haben. Das versprechen wir uns jetzt. Keine Erinnerung, kein Verlust.”

Dieses eine Mal noch. Aber morgen, morgen werde ich vergessen haben, nicht mehr zurück denken.

Werde ich mir am Tag danach sagen. Und am nächsten. Und immer wieder. Und es wird endlos erscheinen, die süße Erinnerung im Mantel aus Schmerz wird bleiben. Aber irgendwann, weiß ich, werde ich vergessen, werde ich mich lösen.

 

Ich muss zwanzig gewesen sein. Ein herrlicher Spätsommernachmittag, die Sonne tauchte die Welt unwirklich in Gold. Ich lief mit Lana ein bisschen durch die Gegend, wir waren seit zwei Jahren ein Paar, und dachten wir würden es immer bleiben.

Von meiner Wohnung war es nicht weit bis zur nächsten Tankstelle, es war Sonntag und wir entschieden uns ein wenig Bier zu kaufen.

Sie trug das Parfüm, mit dem ich sie kennengelernt hatte. Schöne leichte Erinnerung schwang mit mir.

Ich fischte eine Zigarette, sie wollte auch. Es wehte kaum Wind, ich hielt die Hand trotzdem schützend um das Feuerzeug.

Ein paar Meter weiter grinste sie und zog mich am Handgelenk in eine Einfahrt. Sie sah mir in die Augen, ich küsste, strich ihr durch ihr langes Haar, sie hauchte etwas und öffnete meine Hose. Wir zogen uns gegenseitig so weit wie nötig aus, sie strich ihr Bein an mir hoch, wir ließen uns treiben, vergessen.

Dann liefen wir lachend zurück auf die Straße.

Lana schmiss etwas in einen Briefkasten.

 

Zurück in meiner Wohnung tranken wir ein paar von den Bieren, bevor sie sich auf mich setzte und mit ihrem Blick fixierte.

Ja, ihr Blick. Ihre lächelnden Augen. Intensiv, authentisch.

“Wo ist dein Höschen?”

“Briefkasten.”,

sagte sie und fing an zu lachen. Ich auch.

 

Sie zog die Tür langsam hinter sich zu. Bloß nicht Vater wecken, aber der knipste das Licht an, als die Tür ins Schloss glitt.

“Wo warst du? Es ist spät. Etwa wieder bei diesem Versager?”

Pack.

Ihr Kopf schlug von der Wucht der Ohrfeige zur Seite.

“Geh in dein Zimmer. Geh mir aus den Augen.”

Sie sah einem schweren in weiße Shorts und Shirt gekleideten Körper hinterher, wie er zurück ins Wohnzimmer schlurfte. Als er die Tür hinter sich zuschlug begannen ihr Tränen die Wangen hinunter zu rinnen. Sie schluchzte nicht, gab kein Geräusch von sich.

 

Der Wärter sah durch den Schlitz in der Tür. Ich konnte das immer am Schatten erkennen. Die hellgrünen kahlen Wände, das Bett, das Klo, Waschbecken. Mein neues Zuhause, seit acht Jahren.

Ich konnte nicht anders, musste mich schützen, wollte ihn nur außer Gefecht setzen, nicht töten. Aber der Richter entschied lebenslänglich.

Ich träume nachts von dir. Oft.

Am Tag immer, Lana.

 

Ich glaube damals war das schlimmste an meinem würfelförmigen Zuhause für mich, der Geruch, der aus den Wänden kroch. Ein subtiler Gestank der aus der Decke an den Wänden runter floss, dann über den Boden und mein Bett direkt ins Zentrum meines Hirns. Manchmal wurde ich nachts wach davon. Ich glaube es war der Gestank meiner eigenen Angst. Und der Angst meiner Vormieter.

Ich war nicht gerade dumm, hatte aber kaum Interesse für den Schulstoff, und danach wusste ich nie wirklich was ich mal machen wollte. Es hat alles ganz harmlos begonnen, aber dann hat mich der Sog immer weiter runter gerissen. Das erste krumme Ding und du hast einen Fuß im Treibsand.

Ein paar Deals, ein paar Hehls, und dann lernte ich immer mehr Leute kennen. Irgendwann die “richtigen”. Ich hab nie getötet, bis auf das eine Mal, wegen dem mein Leben endgültig verschissen war.

Lana war mit einem reichen Politiker verheiratet. Seit vier Jahren, habe es aus der Zeitung

erfahren.

Passt doch, ihr Ex ein Knacki, der neue ein alter Knacker.

Sie hat mich nie besucht.

“Du bist mit deinem Job verheiratet. Du hast keinen Platz für mich. Ich will dich nicht mehr sehen. Verzeih mir, Ran.”,

sagte sie ein paar Monate vor dem Mord.

 

“Ich muss nochmal ins Büro. Und warte gefälligst auf mich.”,

sagte Lanas Mann.

Sie nickte nur.

 

Ich hatte lange geplant und sauber durchgezogen.

Yeah, ich war aus einem Gefängnis ausgebrochen. Ganz schön geiles Feeling.

 

Eine sehr schöne Frau öffnete die Tür. Sie erkannte mich sofort. Schmerz glitt durch ihr Gesicht, aber sie unterdrückte ihn, wollte, dass ich es nicht merke.

“Geh wieder, Ran. Bitte.”

Ich sah ihr in die Augen. Es schien endlos. Glück, Schmerz, Hoffnung, ich glaube das fühlte ich.

Sie begann leise zu weinen. Ich auch.

 

“Heute werden wir es ein letztes Mal leben. Ein letztes mal genießen. Und morgen machen wir einen Schnitt. Wenn wir aufwachen, werden wir vergessen haben. Das versprechen wir uns jetzt. Keine Erinnerung, kein Verlust.”,

sagte sie und blickte dabei auf den Boden.

 

Wir sahen uns dabei unentwegt in die Augen. Ich dachte ich würde jetzt wissen, dass es einen Himmel gibt. Wir küssten, streichelten, genossen, vergaßen. Es kam mir ewig vor, und doch zu kurz.

 

Es ging alles unglaublich schnell, aber es kam mir vor wie in Zeitlupe.

“Runter! Hände auf den Rücken!”

Einer der Bullen hielt mir seine Waffe an die Schläfe, ein anderer legte Handschellen an.

Wir hatten ein Versprechen, aber ich drehte meinen Kopf zurück. Sah ihr ein letztes Mal in die Augen.

Ja, ihre Augen.

Sie weinte. Und diesmal schluchzte sie. Laut, unkontrolliert. Sie konnte sich nicht mehr halten. Ihr Mann stand neben ihr und starrte in die Leere.

 

Ich stehe auf einem Stuhl. Ein Drahtseil um den Hals.

Aber irgendwann, weiß ich, werde ich vergessen, werde ich mich lösen.

Auf Wiedersehen, mein Engel.

Verzeih mir.

Ich lasse mich fallen.

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